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Stefan Dräger
Chairman of the Executive Board (CEO), Drägerwerk AG & Co. KGaA (Dräger)

In the medium-sized engine room of pandemic control: Dräger

🎥 Jan 01, 2022 📺 DWF Deutsches Wirtschaftsfernsehen ⏱ 37m
Many companies were forced into inactivity during the pandemic. But others were crucial, especially during this crisis. Stefan ...
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About Stefan Dräger

Stefan Dräger, CEO of Drägerwerk, has spoken about the company's role during the COVID-19 pandemic, noting that the company rapidly increased production of intensive care ventilators in early 2020, with a large portion initially going to China. He stated that maintaining factory operations for life-saving ventilators was the highest priority. Dräger also commented on pandemic measures, saying he supported vaccination as a primary measure but argued that vaccination alone was insufficient and that testing should remain available as an additional tool for safety. Dräger has discussed changes in the workplace, stating that work is becoming an integral part of life and that topics once delegated to HR are now CEO-level concerns, citing ESG developments as an example. He described three "old virtues" for companies: equity capital over leverage, diversity over monoculture, and slack over efficiency, arguing that equity capital helps companies survive crises without existential fear. After 18 years on the board of the German Association for Human Resource Management (DGFP), Dräger stepped down in 2023, saying he had aimed to ensure the organization's continued existence, which he described as having been uncertain at times.

Source: AI-verified profile updated from Stefan Dräger's recent appearances. Browse all interviews →

Transcript (22 segments)
I
Interviewer0:08
Herzlichen Glückwunsch nach Lübeck an Stefan Dräger und sein Team der Drägerwerke. Sie sind nicht nur Innovator des Jahres, sondern auch Gewinner des Publikumspreises. Innovator des Jahres 2021 und Publikumspreis heißt eine Menge Stimmen, die Sie bekommen konnten. Erstmal herzlichen Glückwunsch, wir telefonieren nach Lübeck zu Herrn Dräger.
S
Stefan Dräger0:36
Ja, vielen Dank. Da freue ich mich sehr, zusammen mit meinem ganzen Team, über diese schöne Auszeichnung. Wir sind ja ausgezeichnet worden für unsere medizintechnologischen Innovationen, für die Dräger ja seit Generationen steht, aber speziell auch für die dadurch beeindruckende Produktionserweiterung unserer Beatmungsgeräte im Zuge des Ausbruchs der Pandemie.
I
Interviewer1:04
Können Sie uns noch mal mitnehmen in diese dramatische, gerade dramatische Anfangszeit, lieber Herr Dräger?
S
Stefan Dräger2:14
Also Anfang 2020, gleich im Januar, haben wir schon gesehen, da braut sich was zusammen. Aus China kommen schon ganz viele Aufträge, und da haben wir schon unsere Produktion deutlich hochgefahren. In der Zeit ging dann der größte Teil der produzierten Intensiv-Beatmungsgeräte auch nach China. Wir haben ja andere Krisen auch schon in der Vergangenheit gehabt, wie zum Beispiel SARS, aber das war immer Phasen beschränkt. Damals hatten wir auch schon unser Budget fürs ganze Jahr für China im April ausgeschöpft. Dass es diesmal anders war, das wurde uns selber auch erst im Anfang März klar, dass es eine weltweite Dimension hat und auch uns hier direkt betrifft. Und entscheidend war dann wirklich die erste Märzwoche. Sie hören ja auch noch die Geschichte, aber in verkürzter Form: Es war wirklich der Anruf vom Bundesgesundheitsminister. Und da ging es zuerst nur um persönliche Schutzausrüstung. Zu dem Zeitpunkt gab es ja ein Exportverbot, das Berlin erlassen hatte, nachdem Paris damit vorangeschritten war. Das bedrohte auch in der Tat schon mal die Lieferketten, das Handeln der Politik. Und darüber sprachen wir dann auch. Und über die persönliche Schutzausrüstung kam es dann auf die Beatmung. Das hängt ja über die Technik für das Leben zusammen, und das sind auch ganz unterschiedliche Klientel. Noch mal zur persönlichen Schutzausrüstung: Ich weiß noch, ich sprach mit einem befreundeten Unternehmen, der eine Gießerei hat in Kaiserslautern, der mir berichtet hat, dass er in genau diesen Tagen schon die Masken, die er aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen zwingend braucht für die Produktion, unter seinen Schrank gebunkert hat, weil die sonst in der Kaiserslauterer Fußgängerzone getragen werden. Und diese Art von Nutzung ist ja ursprünglich nicht vorgesehen gewesen, und hat zu einer totalen Explosion der Nachfrage geführt, mindestens um den Faktor 100 über den Produktionskapazitäten. Bei Beatmungsgeräten war eigentlich nicht gedacht, dass das gleiche passiert, weil die ja von professionellen Nutzern und Käufern gekauft werden, das ist ja ein B2B-Geschäft. Aber dennoch ist auch hier noch mal die Nachfrage auf ein Mehrfaches der weltweiten Produktionskapazitäten angestiegen.
I
Interviewer3:58
Herr Dräger, wie sind Sie eigentlich auf diese Produktgruppe der Beatmungsgeräte gekommen, die heute eine so hohe Bedeutung haben?
S
Stefan Dräger4:09
Dazu muss man sagen, dass meine Vorväter vor über 100 Jahren ja das mechanische Beatmungsgerät erfunden haben, und wir heute in unserem Stammwerk in Lübeck über die größte Fertigungskapazität der Welt verfügen. Die Nummer 2 und 3 in den Herstellern für Intensiv-Beatmungsgeräte, die auch geeignet sind, Kranke wieder gesund zu machen, sitzen auch in Schweden und in der Schweiz, und damit ist ungefähr 80% der weltweiten Fertigungskapazität in Europa. Das war die Ausgangssituation.
I
Interviewer4:48
Ich könnte mir vorstellen, Sie wurden von verschiedenen Seiten bedrängt, diese Geräte zu liefern.
S
Stefan Dräger4:56
Ja, das stimmt. Allerdings war der Bundesgesundheitsminister tatsächlich der erste und auch der schnellste und entscheidungsfreudigste. Und wir haben sehr schnell eine Vereinbarung getroffen, die für die Bundesrepublik 10.000 Beatmungsgeräte gesichert hat, gemäß einem vereinbarten Lieferplan – also nicht alle gleichzeitig, das war klar, das ist nicht möglich. Das bedeutet aber nicht, dass das für den Rest der Welt keine mehr geliefert werden konnten. Allerdings hat das vielleicht schon beigetragen, dass andere nach und nach auch aufmerksam geworden sind.
I
Interviewer5:40
Wie kann man sich das vorstellen, an welchen Stellschrauben konnten Sie drehen? Mit Produktionsanlagen können Sie noch ein paar Stunden länger laufen lassen und immer schneller laufen – also was war alles zu tun? Man darf ja glaube ich auch nicht vergessen, nicht nur die Welt war in der Pandemie im Griff und teilweise gelähmt, und Sie ja wahrscheinlich und Ihr Team auch, Sie waren ja auch eingeschränkt. Das Thema Lieferketten haben Sie auch gerade schon angedeutet. Also was haben Sie unternommen, was konnten Sie tun, um diese – glaube ich – fast vierfache Steigerung der Wochen-Ausbringungsmenge hinzubekommen?
S
Stefan Dräger6:18
Die hat sich in der Tat dann im Lauf kurzer Zeit vervierfacht gegenüber dem Durchschnitt des Vorjahres. Und da kam ein bisschen auch das Glück zu Hilfe, das ja bei den Tüchtigen bekanntlicherweise ist. Denn wir hatten schon in den Vorjahren in großem Maßstab – ich rede hier von 70 Millionen Euro – investiert in eine neue Fabrik, für neue Anlagen und Systembau und Gebäude ausgegeben, die bereit standen. Und wir haben flexible Arbeitszeitmodelle und innovative Arbeitszeitmodelle mit den Betriebspartnern, das heißt mit dem Betriebsrat und den Gewerkschaften, vereinbart. Und dann muss ich sagen: Die Mitarbeiter selber und auch alle Gremien, auch die Betriebsräte und Gewerkschaften, haben super mitgezogen in dieser außergewöhnlichen Situation. Und es war immer klar, dass wir in einer besonderen Situation sind, während andere einfach zu Hause bleiben können – bei uns immer: All hands on deck. Suche die Aufrechterhaltung des Betriebes und die Gesundheit aller Beteiligten mussten immer zu jeder Zeit in einer Balance abgewogen werden. Denn wenn die Mitarbeiter krank werden, dann können wir auch nicht produzieren, und wenn die zu Hause bleiben, auch nicht. Und da brauchen wir eine gute Balance. Dafür haben wir den Schichtbetrieb eingeführt, den wir vorher in der Produktion dort nicht hatten, und auch eine Kohorten-Trennung. Und das war für mich auch ein emotionaler Moment: Als ich an dem Tag der Schichteinführung im Betrieb in der Fabrik gewesen bin, habe ich die Kollegen gefragt, wie das denn jetzt war, jetzt mit der Kohorten-Trennung am Morgen. Und da haben die einfachen Arbeiter mir gesagt: ‚Ja, das war schon ein besonderer Moment, denn wir haben uns heute Morgen verabschiedet in der anderen Kohorte.' Und sie haben – das war damals schon gesagt – ‚Na denn mal frohe Weihnachten und guten Rutsch.' Und das war ja wirklich sehr vorausschauend und sehr klug, das wollt ihr ja schon im letzten Jahr 2020 keiner so richtig wahrhaben, wie lange uns das noch begleitet und wie das Weihnachten wird. Damit haben die ja vollkommen recht behalten. Und dazu gehörte auch zu den Maßnahmen – nachdem Sie gefragt haben – wir haben ja 500 zusätzliche Leute eingestellt, um diese Mengen zu bewältigen. Für die neuen Mitarbeiter haben wir eine Lernfabrik eingerichtet, in der die erst mal die wichtigsten Dinge gelernt haben, bevor sie in die echte Produktion reingelassen wurden, in der diese lebensunterstützenden, schützenden oder haltenden Geräte produziert werden. Wir haben auch sehr schnell, am 7. März, schon eine Unabkömmlichkeitsbescheinigung für sämtliche Dräger-Mitarbeiter in Deutschland vom Bundesgesundheitsministerium erhalten, die wir sofort am nächsten Morgen – das war noch gut, am 8.10. März war auch mein Geburtstag – an alle verteilt haben. Und da waren dann alle sehr stolz, dass sie dann: ‚Guck mal, wenn Ausgangssperre kommt, wir sind gebraucht, wir dürfen noch raus, dürfen uns noch frei bewegen, weil wir einen Versorgungsauftrag zu erfüllen haben.' Und somit diese Erfahrung war schon einzigartig, zu sehen, was es mit Menschen macht, wenn Sie sehen, dass ihre Arbeit so viel Sinn macht. Und Sie haben dann in dieser Zeit auch viele Hilfsangebote bekommen von anderen Unternehmen, die nicht mehr ihre gewohnten Tätigkeit nachgehen konnten und durften: ‚Die Sachen, wir könnten mithelfen.' Die meisten davon mussten wir ablehnen, weil es oft unterschätzt wird, sowieso schwierig und komplex das ist, und auch regulatorisch aufwendig, hier solche Produkte zu entwickeln und zu produzieren. Einige Hilfsangebote haben wir auch annehmen können und sind sehr dankbar dafür. Und die Lieferketten zu unseren traditionellen Lieferanten, die sind da zum Glück ja auch nicht gerissen. Die Lieferanten haben auch super mitgezogen. Dafür habe ich mich kürzlich auch mal bei allen Lieferanten bedankt, als wir unseren Lieferantentag jetzt dieses Jahr wieder gemacht haben. Letztes Jahr musste der ausfallen. Alle Lieferanten zusammen sind ja auch – so ähnlich wie alle Kunden im Sommer – eine sehr wichtige Gruppe, die uns mitgeholfen haben, diese Zeit gut zu überstehen und einen möglichst guten Beitrag zu leisten. Auch da geht mein Dank hin.
I
Interviewer11:44
Ja, vielen Dank, lieber Herr Dräger, für diese Ausführungen, uns mal mitzunehmen, wie sowas eigentlich funktioniert. Und Respekt auch dafür, was Sie, die Mitarbeiter und auch die Lieferanten geleistet haben in der Zeit, wo eben das zu tun war, was getan werden musste. Dennoch würde ich gerne zur unternehmerischen Frage zurückkommen, denn jeder Unternehmer weiß, dass eine schnelle Produktionserweiterung – jetzt haben Sie eben von dem Glück gesprochen, dass Sie gerade eine neue Fabrik aufgebaut hatten, aber dennoch – natürlich Strukturen aufgebaut werden, Ressourcen von Ihnen. Meine Frage wäre: Dass Sie irgendwann flach – in dem Maße gar nicht mehr benötigt werden. Also diese Frage wäre: Wir sprechen ja jetzt zum Zeitpunkt Jahreswechsel 2021 zum Jahr 2022, wie hat sich eigentlich zum Thema – weil beim Thema Beatmungsgeräte – da die Nachfrage entwickelt? Leider ist die Pandemie uns ja noch erhalten geblieben, um es mal so zu sagen, aber eben auf die Frage: Wie gehen Sie bei Dräger eben auch mit dieser Herausforderung um, dass dann gegebenenfalls eben Ressourcen aufgebaut werden müssen, Strukturen, von denen man weiß, die werden hoffentlich nicht immer benutzt werden?
S
Stefan Dräger12:37
Ja, eine sehr gute Frage, die ich gerne beantworte. Also im Bereich – vielbeachteten Bereich – in der Intensiv-Beatmungsgeräte ist es also nicht mal so, dass die Nachfrage auch in 2021 noch deutlich länger angehalten hat und langsam abgeflaut ist, als ihr gedacht haben. Und jetzt erst ist sie wieder beim alles Normalmaß rangekommen. Und wir rechnen damit, dass nächstes Jahr 2023 noch ungefähr genauso viele Beatmungsgeräte in den Markt gehen wie im Jahr 2019 – also nicht etwa weniger, weil die Märkte gesättigt sind und die Budgets erschöpft sind. Und dann immerhin noch etwas langsamer zurück und auch nur auf das gleiche Niveau, und gibt keine Delle nach unten. Bis es – das ist die gute Nachricht – in der Kapazität konnten wir das auch in diesem Bereich sehr gut abbilden, denn die Flexibilität, die wir in der neuen Fabrik haben, die ist ja sozusagen eingebaut. Und die zusätzlichen neuen 500 Mitarbeiter haben erst mal praktisch alle befristete Verträge bekommen, und diese Befristungen haben wir dann taggleich auch noch verlängert, weil es ja langsam abgeflaut ist, als wir dachten. Aber hier kommt insgesamt die Kapazität gut anpassen, dass es nicht zu Leerlauf oder Stillstand, Kurzarbeit oder irgendwie sowas gekommen ist, und auch nicht zu betriebsbedingten Kündigungen und anderen Maßnahmen. Das konnte man damit sehr gut umgehen. Dann schon etwas anders: Bei den Fabriken zur FFP-Masken-Produktion wurde die Nachfrage ganz besonders stark explodiert. Wir hatten da in der Ausgangssituation bei Standorten in Schweden und Südafrika, und haben dann in der Pandemie investiert und haben drei weitere Fabriken gebaut, in USA, in UK und in Frankreich. Und das werden wir jetzt im nächsten Jahr nicht mehr voll auslasten, und folglich wird auch ein Teil der Investition dann berichtigt werden müssen. Es macht aber nichts, das ist jetzt eine bilanzielle Anpassung, über die man jetzt auch noch mal reden könnte, man aber aus meiner Sicht nicht sollte, denn bei der Berücksichtigung der insgesamt bereits verkauften Stückzahlen war es eine rentable Investition, die sich bereits gerechnet hat auch für das Unternehmen, abgesehen davon, dass wir unseren Kunden helfen konnten, die mit Schutzausrüstung zu versorgen. Also das hat sich bereits bezahlt gemacht, und die Fabriken waren so kalkuliert, dass man sie auch nach relativ kurzer Zeit wieder mal runterfahren kann und es sich trotzdem schon gerechnet hat. Das trifft jetzt auch teilweise ein. Das war eingeplant, und diese Entscheidung war in jedem Fall eine gute.
I
Interviewer16:35
Aus meiner Sicht regelt das Innovationen manchmal eben auch an anderen Gegebenheiten. Innovationen scheitern können, das haben Sie jetzt bei der Entwicklung einer wirklich spannenden Neuerung im Bereich der Antigen-Schnellteste erfahren müssen. Vielleicht können Sie uns da noch mal mit reinnehmen, das Thema bitte?
S
Stefan Dräger16:56
Das ist ja eine eigene Dräger-Entwicklung. Es gibt glaube ich sonst keinen Test, der ausschließlich in Deutschland entwickelt und in Europa produziert wird, der so einfach zu handhaben ist wie unser Test und der gleichzeitig so gute Werte bei Sensitivität, Spezifität hat, in einer klinischen Studie in Deutschland, mit Daten noch von der Charité, unter den Augen von Herrn Drosten. Allerdings kann dieser Test seine besonderen Vorteile nur ausspielen in der Handhabung durch Laien – also wenn Sie abends noch mal ins Freizeitlokal gehen wollen und dann Test machen wollen. Dafür braucht man ja aber jetzt ein Zertifikat. Und wir haben alles vorbereitet für eine – und haben auch eine vollwertige CE-Zulassung für die professionelle Anwendung und auch für die Laien-Anwendung, im Gegensatz zu den meisten Wettbewerbern, die nur Notfallzulassungen haben, die ja bald auslaufen. Diese Laien-Anwendung mit diesem erhöhten Aufwand für die Herstellung, des besonders handlichen Tests, lohnt sich aber insbesondere in Zusammenarbeit mit einer Videoüberwachung, die wir entwickelt haben in Zusammenarbeit mit einem Callcenter, mit einem doppelt abgesicherten Prozess. Da gibt es zum einen die Web-App, die Sie verwenden als Anwender, wo bestimmte Schritte überwacht und abgesichert sind, und der Call-Center-Agent hat auch eine Unterstützung durch Software. Und das Ganze wird kombiniert mit einer Online-ID-Prüfung nach dem Personalausweis, nach dem gleichen Verfahren wie das die Banken machen. Und dieses Verfahren ist jetzt – ja, vom Bundesgesundheitsministerium – unzulässig erklärt worden, in dem gleichen Zeitpunkt, auch als die Testungen wieder kostenpflichtig wurden. Da hat man überlegt zu dem Zeitpunkt, dass man gerne das Impfen fördern möchte, indem man das Testen unattraktiver macht. Das unterstütze ich auch. Aber ich möchte auch an der Stelle betonen, dass wir bei Dräger und ich persönlich die Impfung unterstützen als primäre Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie. Ich habe aber auch vor anderthalb Jahren schon gesagt: Impfung wird überschätzt und reicht alleine nicht aus. Ich kann dazu sagen: Es wird nicht alle leichtfertig plötzlich auf einen Schlag zu 100% geimpft sein, es kann Mutationen geben, die Impfung hält nicht ewig – können Sie nachlesen, habe ich vor anderthalb Jahren auch schon gesagt, wurde nicht gerne gehört. Und ich sage heute wieder: Testen ist eine weitere Maßnahme, die uns zur Verfügung steht, um mehr Sicherheit zu gewinnen und ein normales Leben zu leben. Sie könnten noch einen Selbsttest machen und ein Zertifikat kriegen, wenn das politisch gewollt wäre – das ist einfach aus politischen Gründen abgewürgt worden. Und damit haben wir nicht gerechnet. Deswegen müssen wir diese Investition jetzt abschreiben, und die 50 Leute, die wir eingestellt haben in der Produktion, von denen ich vor kurz noch Mut gemacht habe, ja, müssen wir sehen, was wir mit denen machen, denn den Test könnten wir fast nicht mehr produzieren, wenn er seine Vorteile nicht ausspielen kann.
I
Interviewer20:27
Da haben Sie eben schon einmal angesprochen, was ich gerne weiter eingehen würde: Flexibilität. Bei Familienunternehmen – und vielen anderen auch ist aufgefallen, dass bei solchen entscheidenden Lösungen und Produkten und Verfahren, wie zum Beispiel diesen Beatmungsgeräten und dann diese Ausweitung der Produktionsfähigkeiten und Kapazitäten – aber auch wenn man das mal so als Beispiel noch mit rein nehmen dürfte, BioNTech: das ist doch gerade Familienunternehmen, oder zumindest durch ein Unternehmer-Typus oder Wissenschaftler-Typus geprägtes Unternehmen, zu solchen Innovationen gekommen ist. Wie erklären Sie sich das?
S
Stefan Dräger21:11
Ja, das ist schön. Ich war nämlich gerade mit dem BioNTech-Chef zusammen, quasi auf dem Podium bei einer Veranstaltung in Paris, vor vier Tagen. Und da kann man schon einige Gemeinsamkeiten feststellen. Ich würde mal sagen: Langfristorientierung und Purpose sind die entscheidenden Faktoren. Herr Şahin hat auch noch mal ausgeführt, dass er ja schon vor 15 Jahren begonnen hat, an den mRNA-Themen zu arbeiten, damals in Richtung Krebsforschung, aber beseelt von der Vision, die Gesundheitsprobleme der Menschen abzumildern und der Menschheit zu helfen. Und das ist ja ein großartiger Purpose. Und bei uns Dräger ist es auch so, dass wir langfristig hier sind und unsere Arbeit einen ganz großen Sinn macht. Denn wir sind Technik für das Leben, und das ist etwas sehr Motivierendes, das konnte man im letzten Jahr spüren wie nie zuvor. Und dazu kommen, glaube ich, drei alte Tugenden, die in der Krise zu ganz neuer Bedeutung gekommen sind. Nämlich erstens mal: Eigenkapital statt Leverage. Also, dann wird man ja kritisiert, wenn man zu viel Eigenkapital hat, dann ist der – noch mal für die externen Kapitalgeber – der Leverage-Effekt zu gering. Aber das hilft auch, durch Krisen zu kommen, sag ich mal, ohne Existenzangst gleich zu bekommen. Das hat sich jetzt auch wieder mal gezeigt in dieser Krise, bei manchen anderen, wo das Eigenkapital ausgegangen ist. Das ist die alte – so eine Tugend, glaube ich, die noch mehr ins Bewusstsein gekommen ist. Als zweites: Heute ist es also Vielfalt statt Monokultur. Denn jetzt auch – in einer Monokultur, was ja häufig gefordert wird – dann kann das eine, was man tut, dann besonders gut sein, dann ist man aber auch total abhängig. Wenn man – Monokultur im Bezug auf die Produkte – wenn ich jetzt nur Abgasanlagen für Verbrennungsmotoren mache, ist ungünstig in dieser Zeit, dann kann ich das vielleicht besonders gut, aber… Das haben wir nie entsprochen. Wir haben bei Dräger immer eine große Vielfalt von Produkten, die unterschiedliche Märkte bedienen. Vor dem Anruf des Bundesgesundheitsministers hatten wir kein einzelnes Produkt, das mehr als 3% des Umsatzes ausgemacht hat. Kein Kunde hat mehr als 1% des Umsatzes gekauft, und kein Lieferant mehr als 5% des Einkaufsvolumens geliefert. Und dahin sind wir jetzt auch wieder zurück. Also diese Vielfalt hilft auch. Und dass wir als Familienunternehmen gut durch die Krise gekommen sind und auch vielleicht gute Beiträge liefern konnten. Also neben den Intensiv-Beatmungsgeräten und den schon erwähnten FFP-Masken, für die wir weitere Fabriken gebaut haben, und dem Antigen-Schnelltest, der leider seine Vorteile jetzt nicht mehr ausspielen kann, haben wir noch was weiteres – nur um ein Beispiel zu nennen. Wir haben in einem Modellprojekt alle Lübecker Schulen, in Klassenzimmer, 2500 an der Zahl, mit CO2-Sensoren ausgestattet, die mit einem LoRaWAN – also Low-Energy Wide Area Network – ohne auf die Infrastruktur der nicht so toll ausgerüsteten Schools zurückzugreifen, alle Ihre Daten an einen Server der Tochter der Stadtwerke Lübeck senden, wo die aufbereitet werden, sodass das Lüftungsverhalten in den Lübecker Schulen noch mal objektiv geregelt werden kann. Und dass diese Diskussion, die Sie vielleicht aus der Jugend zwischen Schüler und Lehrer noch erinnern: ‚Kannst du aufhören zu lüften?' – und weil objektiviert wird. Und wir auch nicht so viele teure Luftfiltergeräte mit hohen Folgekosten für die Filter brauchen. Also das ist noch ein weiteres Projekt, also aus der Vielfalt kommt, weg von der Monokultur. Und zuletzt, last but not least, gleich am Wichtigsten in Familienunternehmen: Slack statt Effizienz. Also das alte Mantra immer noch mal: Was ausquetschen, den Hamster noch bis er optimiert, dass er in seinem Rad schneller dreht, die Zitrone noch mehr pressen. Das ist gar nicht so zielführend, weil es in Krisensituationen die Orientierung erschwert, und wenn sich Chancen bieten, kann man die nicht mehr so gut ergreifen und nutzen, wie wir das tun konnten im letzten Jahr. Das sind die drei alten Tugenden: also Eigenkapital statt Leverage, Vielfalt statt Monokultur und Slack statt Effizienz. Glaube ich, das waren die – für Familienunternehmen gemein, und das hilft.
I
Interviewer26:33
Vielen Dank für die Ausführungen zu der Bedeutung auch der Familie – daneben – und des Mittelstands auch in solchen schwierigen Pandemiezeiten, auch insgesamt natürlich für unseren Standort Deutschland, auch eben in Hinblick auf Innovation. Aber dann – bei Dräger ist es ja gerade ein Wesensmerkmal, was Sie erhalten müssen: die Unabhängigkeit als Familienunternehmen. Sie können entscheiden, dass Sie langfristig denken wollen, Sie können ja selber entscheiden, was vielleicht in einer Konzernstruktur gar nicht möglich wäre, dass Sie irgendwo Ressourcen und Entwicklungsaufwendungen bilden, wo vielleicht nur ein Controller sagen würde: ‚Macht es nicht.' Also die können Sie bei Dräger die Unabhängigkeit halten, und damit auch die Innovationskraft. Und weil – zu den Innovationen: Da ist entscheidend, das war auch Thema in der Diskussion mit Herrn Şahin – dass diese Innovationen, die Sie geschaffen haben, auch in gewissen Schutz genießen durch Patente. Und das gilt auch für Dräger, mit der Firmengründer hat ja schon die Erfahrung gemacht, dass eine Idee, die er hatte, von jemand anderem umgesetzt und kommerziell auch monetarisiert wurde. Und dann hat er festgestellt: Da entsteht gerade was Neues, in München ein Patentamt, und dann die nächste Erfindung hat er gleich patentieren lassen. Und als er das Patent dann in der Hand hielt, war das der Start des Unternehmens Dräger, 1889. Also heute machen wir jedes Jahr so gegen 100 Patente, und dass wir dann dafür auch einen Schutz genießen, das ist glaube ich wichtig für den Erhalt der Innovationskraft.
S
Stefan Dräger27:20
Das heißt ja nicht, dass wir das nur nutzen, um uns zu bereichern, denn wir müssen ja auf Dauer auch das finanzieren. Wir nehmen gerade jetzt in diesen Tagen – soweit auch wieder in Kauf –, dass unser Aktienkurs noch mal ungefähr 20% eingebrochen ist, nachdem wir in einer Ad-hoc-Meldung vor zehn Tagen gesagt haben, dass wir noch mehr in Innovation investieren. Und bis der Nutzen entfaltet, dass das noch ein bisschen länger dauert als gedacht – wir sprachen schon davon, welche langfristigen Investitionen manchmal nötig sind. Und dass wir dann in dieser Situation trotzdem unabhängig bleiben, auch wenn jetzt wieder passiert, dass der Börsenwert des Unternehmens geringer ist als die Summe der Einnahmen dafür. Unsere KGaA-Struktur ist ideal, da wo Eigentum und Gewinnbeteiligung per Definition von Kontrolle und Haftung getrennt sind. Also ich selbst bekomme von 1 € Dividende nur 12,5 Cent, aber ich habe 100% der Kontrolle in meiner Person vereint. Und damit können wir auch ganz tiefgreifende Innovationen machen, die längere Vorlaufzeit brauchen und Geld kosten, sich danach aber sehr lohnen – und brauchen nicht in dieser Zwischenzeit eine feindliche Übernahme befürchten, und auch keine kurzfristig wirksamen Maßnahmen machen, die die Zukunft gefährden und gar keine Preußenpilsen – wie man so sagt – auslegen und irgendwo verbuddeln. Stattdessen können wir uns voll auf den Kunden und das operative Geschäft und die Umsetzung der Strategie konzentrieren. Und ich selber, der für jede Entscheidung, die ich fälle und meine Vorgänger gefällt haben, am Ende ein – und ich bin selber maximal betroffen, denn mein ganzes Vermögen steckt im Unternehmen, und ich laufe nicht weg und werde da sein. Mein Name steht ja auch auf jedem Produkt, und die Reputation ist für mich und alle Mitarbeiter das höchste Gut. Hat ja schon die Frau des Gründers gesagt: ‚Steht da unser Familienwappen' – auf Plattdeutsch ‚Las uns schaden' – als Schimpfwort, Sie es verstehen können: Besser ist Geld verloren als guten Ruf verloren. Und das sind auch Ansichten, die viele Mittelständler auch vor Ort teilen.
I
Interviewer31:02
Und auch an diesen Aktivitäten. Aber auch an diesem Aktivitäten hat es viele Mittelständler auch vor Ort – übrigens wie sieht es mit den Schulen machen wir tun – und dann: Das ist ja eine Sache, die man gar nicht weit genug auch mal in die Öffentlichkeit wiederholen sollte. Was nicht direkt zur nächsten Frage bringt: Lieber Herr Dräger, wir leben ja in vielerlei Hinsicht in wandelvollen Zeiten – Pandemie, technologische Neuerung, aber wir in Deutschland auch ein Politikwechsel. Und ich kann nicht umhin, Sie zu fragen: Ist das für einen – Dräger – für ein Unternehmen, die Sie eigentlich auch ein Thema, Sie überleben ja jetzt auch eine Verzierung mehr – CO2-Klima der Auflagen der Berührung – Klimaneutralität ist das überhaupt ein Thema? Und wie insgesamt sehen Sie denn den Standort, den Wirtschaftsstandort Deutschland aufgestellt? Sie sind im Unternehmen hat ja längst international ist, Sie haben die Vergleiche, Sie können und tun es ja auch schon in anderen Ländern zu produzieren. Wie schätzen Sie das ein?
S
Stefan Dräger31:58
Erstmal ist es natürlich zum einen sehr relevant, dass wir keine Substanzsteuern bekommen, denn wenn die Innovation sich lohnt und gut verdienen, dann können wir auch gerne viel Steuern bezahlen. Und da freut mich nicht nur der Publikumspreis und die Auszeichnung für den Innovator des Jahres, mich freut auch die Auszeichnung von den Kollegen von der Wirtschaftswoche, dass wir jetzt in diesem Jahr zum zweiten Mal infolge ausgezeichnet wurden zum Unternehmen mit dem allerhöchsten Beitrag zum Gemeinwohl in diesem Land, nachdem das schon im letzten Jahr der Fall war. Und wenn wir gut verdienen, dann können wir davon auch gut Steuern bezahlen. Solange das nicht der Fall ist, würden wir auch mal Teile abgeben, die wir brauchen, um unserem Versorgungsauftrag zu erfüllen und noch weiter für die verschiedenen Stakeholdergruppen da zu sein. So ansonsten soll man – das ist ja jetzt erst mal abgewendet –, wieso ist dann Steuern, darüber bin ich sehr froh. Und ansonsten finde ich das gut, was ich jetzt abzeichnet in Berlin, und habe große Hoffnung auf die neue Regierung, auch aufgrund der Zusammensetzung, dass da ein neuer Anfang und Ausbruch gelingen kann. Dass der Klimawandel und die Vermeidung in aller Munde ist, finde ich persönlich – erst mal ganz persönlich – sehr gut. Denn wie gesagt, ich denke ja langfristig und auch daran, was wir einmal unseren Kindern hinterlassen. Meine Tochter studiert jetzt schon Georessourcenmanagement, das ist ja auch die Frage, wie wir mit diesen einen Termin geben du haben dann möglich dann hinkommen. Und mich hat das schon immer umgetrieben. So habe ich persönlich vor über 40 Jahren in meinem Elternhaus schon eine monovalente Wärmepumpenheizung mit Erdsonden als Wärmequelle eingebaut. Und über 30 Jahren habe ich schon mein erstes eigenes Elektroauto gebaut, weil die deutsche Industrie kein Elektroauto bauen konnte. Und vor über 20 Jahren habe ich schon ein eigenes CO2-neutrales Wohnhaus gebaut. Also das ist, was du der persönliche Teil für das Unternehmen Dräger sollte. Also die Veränderung in Berlin und die Fortschritte Focus auf Medizintechnik – das wird erst mal keine Auswirkungen haben, denn unser Geschäftsmodell bei Dräger beruht ja zum Glück nicht auf der Ausbeutung des Planeten, wie manches andere, sondern ist zum Planeten erst mal neutral. Unsere unternehmerische Tätigkeit, die hat als Nebenwirkungen einen CO2-Fußabdruck in der gleichen Größe pro Mitarbeiter, irgendwie 14 Tonnen pro Jahr, gleiche Größenordnung wie ein Einwohner dieses Standes im Durchschnitt, auch wieder lässt. Allerdings glaube ich, müssen wir aufpassen, dass bei den ganzen Bemühungen, ESG und auch EU-Taxonomy, wir nicht zwischen die Mühlsteine geraten von Lobbyisten und Beratern, welche Zertifizierungen verkaufen, zum Greenwashing. Ansonsten würde ich auch noch ein letztes Pack – dann habe ich auch alles –, ich bin schon alles losgeworden. Im Sondierungspapier habe ich schon gelesen, dass unter High Tech in Deutschland jetzt auch die Medizintechnik gefördert werden soll. Und da bin ich mal gespannt. Und denke also – Fördergelder wollen wir bei Dräger gar nicht, das passt nicht zu uns, auch sich als Familienunternehmen mit unserem Beitrag zum Gemeinwohl, den wir investieren aus eigener Kraft in die Innovation. Aber gut wäre schon, allerdings, wenn die Markteinführung mit der Technik, mit der wir arbeiten – diese Innovation gehst du gibst mir – in die Infrastruktur, in den Kliniken, die ja auch mit Steuergeldern bezahlt werden, wenn diese zukünftig dem Standard Triple R S 073 entsprechen, und damit wenn dann assistierte und auch automatische Therapie möglich werden, und das wird das Klinikpersonal – gerade in der jetzigen angespannten Situation – echt helfen zu entlasten und würde wirklich Deutschland in der Welt voranbringen. Das ist der Hoffnung, die ich habe.
I
Interviewer36:29
Ja, immer mühsamer Kampf, was Gutes zu finden in so schwierigen Zeiten und Krisen oder einer Pandemie. Aber wenn es denn etwas Gutes gibt, dann doch hoffentlich auch, dass wir dadurch und durch den Innovationspreis den Fokus mal richten konnten auf die Bedeutung, wie im Familienunternehmen und Mittelständler, wie Sie haben, und dass wir doch alle die Hoffnung haben müssen, dass wir weiterhin so starke familiengeführte Unternehmen wie Drägerwerk in Deutschland haben. Ganz vielen Dank für die Zeit, die Sie genommen haben, auch für die Ausführung, und Ihnen alles Gute. Sie wissen ja, dass wir auf einen Ehrenpreis jedes Jahr beim Innovator des Jahres vergeben. In diesem Jahr ist es Matthias Maurer, der sich jetzt gerade viele, viele Kilometer über unseren Köpfen befindet. Und gestatten Sie mir quasi den Wunsch an Sie – wenn ein bisschen weit hergeholt –, dass ich meine, gute Umlaufbahn wünsche, mit ihm, Ihrem Unternehmen und Sie persönlich.
S
Stefan Dräger37:28
Danke schön, und schönen Abend noch. Gleichfalls.