Stefan Dräger21:11
Ja, das ist schön. Ich war nämlich gerade mit dem BioNTech-Chef zusammen, quasi auf dem Podium bei einer Veranstaltung in Paris, vor vier Tagen. Und da kann man schon einige Gemeinsamkeiten feststellen. Ich würde mal sagen: Langfristorientierung und Purpose sind die entscheidenden Faktoren. Herr Şahin hat auch noch mal ausgeführt, dass er ja schon vor 15 Jahren begonnen hat, an den mRNA-Themen zu arbeiten, damals in Richtung Krebsforschung, aber beseelt von der Vision, die Gesundheitsprobleme der Menschen abzumildern und der Menschheit zu helfen. Und das ist ja ein großartiger Purpose. Und bei uns Dräger ist es auch so, dass wir langfristig hier sind und unsere Arbeit einen ganz großen Sinn macht. Denn wir sind Technik für das Leben, und das ist etwas sehr Motivierendes, das konnte man im letzten Jahr spüren wie nie zuvor. Und dazu kommen, glaube ich, drei alte Tugenden, die in der Krise zu ganz neuer Bedeutung gekommen sind. Nämlich erstens mal: Eigenkapital statt Leverage. Also, dann wird man ja kritisiert, wenn man zu viel Eigenkapital hat, dann ist der – noch mal für die externen Kapitalgeber – der Leverage-Effekt zu gering. Aber das hilft auch, durch Krisen zu kommen, sag ich mal, ohne Existenzangst gleich zu bekommen. Das hat sich jetzt auch wieder mal gezeigt in dieser Krise, bei manchen anderen, wo das Eigenkapital ausgegangen ist. Das ist die alte – so eine Tugend, glaube ich, die noch mehr ins Bewusstsein gekommen ist. Als zweites: Heute ist es also Vielfalt statt Monokultur. Denn jetzt auch – in einer Monokultur, was ja häufig gefordert wird – dann kann das eine, was man tut, dann besonders gut sein, dann ist man aber auch total abhängig. Wenn man – Monokultur im Bezug auf die Produkte – wenn ich jetzt nur Abgasanlagen für Verbrennungsmotoren mache, ist ungünstig in dieser Zeit, dann kann ich das vielleicht besonders gut, aber… Das haben wir nie entsprochen. Wir haben bei Dräger immer eine große Vielfalt von Produkten, die unterschiedliche Märkte bedienen. Vor dem Anruf des Bundesgesundheitsministers hatten wir kein einzelnes Produkt, das mehr als 3% des Umsatzes ausgemacht hat. Kein Kunde hat mehr als 1% des Umsatzes gekauft, und kein Lieferant mehr als 5% des Einkaufsvolumens geliefert. Und dahin sind wir jetzt auch wieder zurück. Also diese Vielfalt hilft auch. Und dass wir als Familienunternehmen gut durch die Krise gekommen sind und auch vielleicht gute Beiträge liefern konnten. Also neben den Intensiv-Beatmungsgeräten und den schon erwähnten FFP-Masken, für die wir weitere Fabriken gebaut haben, und dem Antigen-Schnelltest, der leider seine Vorteile jetzt nicht mehr ausspielen kann, haben wir noch was weiteres – nur um ein Beispiel zu nennen. Wir haben in einem Modellprojekt alle Lübecker Schulen, in Klassenzimmer, 2500 an der Zahl, mit CO2-Sensoren ausgestattet, die mit einem LoRaWAN – also Low-Energy Wide Area Network – ohne auf die Infrastruktur der nicht so toll ausgerüsteten Schools zurückzugreifen, alle Ihre Daten an einen Server der Tochter der Stadtwerke Lübeck senden, wo die aufbereitet werden, sodass das Lüftungsverhalten in den Lübecker Schulen noch mal objektiv geregelt werden kann. Und dass diese Diskussion, die Sie vielleicht aus der Jugend zwischen Schüler und Lehrer noch erinnern: ‚Kannst du aufhören zu lüften?' – und weil objektiviert wird. Und wir auch nicht so viele teure Luftfiltergeräte mit hohen Folgekosten für die Filter brauchen. Also das ist noch ein weiteres Projekt, also aus der Vielfalt kommt, weg von der Monokultur. Und zuletzt, last but not least, gleich am Wichtigsten in Familienunternehmen: Slack statt Effizienz. Also das alte Mantra immer noch mal: Was ausquetschen, den Hamster noch bis er optimiert, dass er in seinem Rad schneller dreht, die Zitrone noch mehr pressen. Das ist gar nicht so zielführend, weil es in Krisensituationen die Orientierung erschwert, und wenn sich Chancen bieten, kann man die nicht mehr so gut ergreifen und nutzen, wie wir das tun konnten im letzten Jahr. Das sind die drei alten Tugenden: also Eigenkapital statt Leverage, Vielfalt statt Monokultur und Slack statt Effizienz. Glaube ich, das waren die – für Familienunternehmen gemein, und das hilft.